Existenzgründung

Innerhalb der letzten zehn Jahre hörten allein in Österreich jährlich rund 4.000 landwirtschaftliche Betriebe auf zu wirtschaften. Die Gründe für diese Betriebsaufgaben sind vielfältig, ein wesentliches Problemfeld liegt aber in dem Fehlen von HoferbInnen, welche den Betrieb weiterführen wollen oder können. Häufig haben die Kinder oder die näheren Verwandten andere Berufsvorstellungen, seltener handelt es sich um kinderlose BetriebsleiterInnen.

Parallel ist bei vielen jungen Menschen ein reges Interesse an der Landwirtschaft zu beobachten, auch, wenn sie selbst nicht direkt aus einer bäuerlichen Familie stammen oder keine Hoferbschaft in Aussicht haben. So befindet sich ein hoher Anteil von SchülerInnen bzw. StudentInnen in landwirtschaftlicher Ausbildung, welche sich vorstellen können, einen Betrieb zu gründen oder zu bewirtschaften. Die vielen Hürden, welche zukünftigen HofgründerInnen dabei im Wege stehen, wie beispielsweise fehlende Strategien zum Einstieg in die Landwirtschaft oder fehlendes Wissen über die verschiedenen Hofübergabe-Möglichkeiten, wirken allerdings oftmals abschreckend.

Ein Netzwerk von motivierten Menschen hat es sich zum Ziel gemacht, sich mit den verschiedenen Aspekten von Hofübernahmen außerhalb der Familie und damit verbunden auch mit der Zusammenführung von BäuerInnen, bei welchen die Hofnachfolge unsicher ist, und jenen Menschen, die einen Einstieg in die Landwirtschaft planen, zu befassen.

Die positiven Auswirkungen einer durch Existenzgründungen neu belebten Landwirtschaft können sein:

  • Betriebe bleiben erhalten – Im Moment befindet sich die Landwirtschaft in einem Wandel. Durch die vielerorts stattfindenden Auflösungen von Betrieben bewirtschaften immer weniger LandwirtInnen immer größere Flächen. Durch die Förderung von Existenzgründungen könnte diesem Trend zumindest teilweise entgegen gewirkt werden.
  • Schaffung neuer Arbeitsplätze – Der Beruf BäuerIn ist traditionell eine Profession, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Trotz einer Vielzahl von interessierten Menschen die nicht aus einem landwirtschaftlichen Betrieb kommen war und ist der Einstieg in die Landwirtschaft schwierig. Für diese Menschen soll Unterstützung geschaffen werden.
  • Neue Ideen – neuer Schwung – Die Art und Weise wie  Landwirtschaft in Österreich betrieben wird bietet oft die Chance für Innovationen. Systeme, die von Generation zu Generation weitergeführt werden, sind oft wenig hinterfragt. QuereinsteigerInnen bringen durch ihre Ideen neue Dynamik und schaffen damit einen lebendigen ländlichen Raum.

 

„Was meint ihr eigentlich, wenn ihr von ‚Existenzgründung in der Landwirtschaft’ sprecht? Was heißt ‚Landwirtschaft’ und ‚landwirtschaftlicher Betrieb’ für euch?“

Im Zuge der Planung und Organisation des Symposiums „Existenzgründung in der Landwirtschaft“ stellte sich uns immer wieder die Frage, was wir nun eigentlich genauer unter landwirtschaftlicher Existenzgründung verstehen und was eigentlich ExistenzgründerInnen auszeichnet.

Im wirtschaftlichen Sinne können Existenzgründungen als Unternehmensgründung verstanden werden. Von rechtlicher Seite ist „jede auf Dauer angelegte Organisation selbständiger wirtschaftlicher Tätigkeit, mag sie auch nicht auf Gewinn gerichtet sein“ (§ 1 UGB) ein Unternehmen. Zu Unternehmungen zählen in diesem Sinn auch landwirtschaftliche Betriebe.

Als ExistenzgründerInnen können wir also Personen oder Gruppen bezeichnen, die ein Unternehmen/einen landwirtschaftlichen Betrieb ins Leben rufen – auch, wenn sie damit keinen Gewinn erwirtschaften (können oder wollen). Die Unternehmensgründung soll für die betreffenden Personen ein neues Unterfangen sein, also nicht z.B. die Erweiterung eines bestehenden Betriebes sein.

Bezüglich des Begriffs Landwirtschaft wollen wir uns auf eine allgemeine und gängige Definition stützen, nämlich, dass es sich bei Landwirtschaft um Urproduktion, also die Herstellung pflanzlicher und tierischer Erzeugnisse handelt, mit all ihren diversen Betriebssystemen, beispielsweise von Ackerbau über die Viehhaltung bis hin zum Gartenbau. Vor- und nachgelagerte Bereiche, die über die Verarbeitung der am eigenen landwirtschaftlichen Betrieb hergestellten Rohstoffe hinausgehen, wollen wir hier abgrenzen.

Wie sieht nun dieses Unternehmen, der landwirtschaftliche Betrieb aus? Wäre hier eine flächenmäßige Einschränkung sinnvoll? Der durchschnittliche landwirtschaftliche Betrieb in Österreich wirtschaftet mit einer Fläche von knapp 19 Hektar. Nach oben hin gibt es keine Einschränkungen – abgesehen von räumlichen Grenzen. Nach unten hin besteht allerdings mehr Diskussionsbedarf. Kann ein Betrieb mit 1 Hektar Fläche ein Unternehmen tragen? Viele Menschen räumen kleinen landwirtschaftlichen Betrieben heute keinen Platz mehr ein und bewerten sie anhand der geringen Flächenausstattung als „unwirtschaftlich“. Was mensch allerdings auf und aus einer Fläche von beispielsweise „nur“ 1 Hektar machen kann, hängt unserer Meinung nach auch stark vom Betriebskonzept ab. Somit ist es auch nicht ratsam, eine Einschränkung hinsichtlich der Fläche vorzunehmen und zu sagen, ein ExistenzgründerInnenbetrieb muss diese oder jene Größe vorweisen, wenngleich natürlich für verschiedene Nutzungsarten verschiedene Flächenansprüche bestehen.

„Aber ein „richtiger“ Bauernhof wird doch im Haupterwerb geführt – oder nicht?“ Laut dem Grünen Bericht 2013 werden ca. 54% der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich im Nebenerwerb geführt, das bedeutet, dass die Bauern und BäuerInnen anderen Erwerbstätigkeiten nachgehen. Ob dies nun gut oder schlecht ist, soll und kann hier nicht diskutiert werden. Fakt ist allerdings, dass der Nebenerwerb nicht der „Anfang vom Ende eines Betriebes“ ist, sondern häufig als wichtiger Stabilisator des Betriebs fungiert – und für manche Menschen auch ein Sprungbrett zum Vollerwerb sein kann. Viele ExistenzgründerInnen in der Landwirtschaft gehen genau diesen Weg und steigen im Nebenerwerb ein! Somit können wir nicht sagen „nur wer im Vollerwerb einsteigt, ist dann auch ein/e „richtige/r Einsteiger/in“!

Was dann noch die Übernahmeform eines landwirtschaftlichen Betriebes oder einer Fläche angeht, also ob Kauf, Pacht oder Schenkung, sollen an dieser Stelle genau so wenig Abgrenzungen vorgenommen werden, wie bei der Art der Bewirtschaftung, also beispielsweise biologisch oder konventionell.

Existenzgründungen in der Landwirtschaft können wir also zusammenfassen als neue Unternehmensgründungen in der Landwirtschaft unabhängig davon:

–       welche Flächenausstattung der landwirtschaftliche Betrieb hat

–       welche (und ob!) Gewinnziele damit verfolgt werden

–       ob der Hof/Fläche gekauft, gepachtet, geerbt oder anderweitig übergeben wurde

–       welche Bewirtschaftungsweise nachgegangen werden soll oder

–       ob im Haupt- oder Nebenwerb gegründet wird.

Unsere Definition schließt damit auch unter anderem die Subsistenzwirtschaft ein. Subsistenzbetriebe haben zwar wenig (bis gar keine) direkten wirtschaftlichen Kontakte nach außen, im Sinne von Erzeugung von Produkten und Absatz über einen Markt, allerdings wichtige indirekte Wirkungen (Beispielsweise durch die Pflege von Kulturlandschaft, die Erhaltung von seltenen Nutztierrassen, den Erhalt der Saatgut- und Sortenvielfalt, allgemein hohen Grad an Multifunktionalität oder der Konservierung von Wissen und Entwicklung von alternativen und innovativen Ideen etc.)

Diese obigen Definition ist natürlich immer eine Sache des Blickwinkels. Müsste die Existenzgründung für eine Vergabe von Förderungen definiert werden, könnten sicherlich andere Maßstäbe angesetzt werden als wir es hier getan haben.

Unsere hier definierte Fassung stellt allerdings jenes Bild dar, welches wir am und durch das Symposium im Mai 2014 diskutiert haben und ist damit unsere zentrale begriffliche Basis und Ausgangspunkt für Gespräche.

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